"Zeit der Mühsal" - Assistenzärzte klagen über hohe Arbeitsbelastung

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Im Jahr 2005 wurde der Allgemeine Patienten-Verband auch über die soziale Situation der Assistenzärzte befragt.

Von Julia Ranniko, dpa

Gießen (dpa) - Überall blinkt und piept und schrillt es. Marco Gruß will eigentlich eine elektronische Patientenakte am Computer ausfüllen, kommt aber nicht weit: Das Überwachungsgerät schlägt Alarm, weil der Blutdruck eines Patienten abgesackt ist, das Telefon bimmelt, Kollegen und Besucher kommen vorbei. «Dass wir nichts in Ruhe fertig machen können, das ist stressig», stöhnt der 33 Jahre alte Assistenzarzt. Auf der Intensivstation der Gießener Uniklinik schiebt er jede Woche 50 bis 60 Stunden Dienst, nach Feierabend wird geforscht, zu Hause ist er oft nur zum Schlafen.

Trotz der langen Arbeitszeiten und der enormen Verantwortung bekommt der verheiratete Arzt ein Grundgehalt von gerade einmal rund 2700 Euro. Wie Gruß gehe es bundesweit etwa 22 800 Jungmedizinern an Universitätskliniken, sagt eine Sprecherin des Klinikärzteverbandes Marburger Bund: «Kein Wunder, dass es jetzt Proteste gibt. Die Bezahlung ist schlecht, die Arbeitszeit von 38,5 Wochenstunden wird nirgendwo eingehalten, und es gibt sehr viele Überstunden.» Die Folge sei eine Ärzteflucht vor allem nach England und Schweden - während an deutschen Krankenhäusern 5000 Stellen nicht besetzt werden könnten.

«Viele hauen ab», hat auch Gruß beobachtet, der selbst zwei Jahre in London geforscht hat. In England etwa könnten Mediziner doppelt so viel verdienen wie hier, manchen stehe die Hälfte ihrer Arbeitszeit ausschließlich für Forschung zur Verfügung. Angesichts des großen Engagements vieler Kollegen empfindet der Narkosearzt die in einigen Bundesländern - etwa Hessen - auf bis zu 42 Stunden hochgesetzte Wochenarbeitszeit als Farce. «Da fühle ich mich veräppelt, es wird doch ganz einfach Geld gespart.»

Dabei herrschten auf der Gießener Intensivstation noch «fast paradiesische Zustände», sagt Gruß. Während Kollegen auf anderen Stationen häufig mit Sechs-Monats-Verträgen abgespeist würden, laufe seiner über zwei Jahre - und von Juni an habe er bereits einen Drei- Jahres-Vertrag in der Tasche. Wegen der hohen Arbeitsbelastung gebe es auf der Intensivstation auch keine Marathondienste von bis zu 24 Stunden: «Nach längstens zwölf Stunden ist Feierabend.»

Trotz des Urteils des Europäischen Gerichtshofes, dass Bereitschaftsdienste grundsätzlich als Arbeitszeit gelten, liege bisher keine bindende nationale Regelung vor, berichtet der Gießener Oberarzt Joachim Klasen. Das Urteil ist nach Darstellung des Präsidenten des Allgemeinen Patienten-Verbandes (Marburg), Christian Zimmermann, auch bei Ärzten umstritten: «Bereitschaftsdienste können nämlich fast ein zweites Gehalt ausmachen.»

Obwohl er jedes zweite Wochenende in der Klinik verbringt, obwohl er im Schichtdienst arbeitet und sein Privatleben darunter leidet: Wenn Gruß über seinen Beruf spricht, ist ihm die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. «Die Arbeit ist interessant, und man sieht einen Effekt, wenn man etwas macht - etwa bei Patienten nach einem schweren Unfall.» Dass die «Halbgötter in Weiß» gesellschaftlich nach wie vor höchstes Ansehen genießen, mache viel aus: «Wenn Sie Lehrer sind, haben Sie auch noch eine schlechte Lobby.»

Nicht nur lange Arbeitszeiten, sondern auch starre Hierarchien in Kliniken demotivierten die Assistenzärzte, sagt Zimmermann. Die fünf bis sechs Jahre dauernde Weiterbildung zum Facharzt sei für viele eine «Zeit der Mühsal»: «Wenn sie ihre Karriere nicht gefährden wollen, müssen sie jahrelang buckeln. Manche Chefärzte mit ihrer geradezu absolutistischen Machtfülle machen aufmüpfige Assistenzärzte bundesweit bekannt.» Zimmermann plädiert daher für «kollegiale Leitungsstrukturen» in Krankenhäusern.

dpa ra yyhe br